Am 12. April hat Ungarn gewählt, und das Ergebnis ist historisch: Die Oppositionspartei Tisza von Péter Magyar kam laut amtlichem Ergebnis auf 53,2 Prozent und 138 der 199 Mandate, Fidesz und KDNP zusammen auf 38,4 Prozent und 55 Mandate. Nach 16 Jahren ist die Ära Orbán an der Wahlurne beendet worden. Interessant für diesen Blog ist der Weg dorthin, denn dieser Wahlkampf war der bislang größte Realtest für KI-gestützte Desinformation in Europa.

Die Dimensionen: Ein ungekennzeichneter Deepfake, der ein angebliches Telefonat zwischen Kommissionspräsidentin von der Leyen und Magyar inszenierte, erreichte 3,7 Millionen Aufrufe. NewsGuard dokumentierte ein TikTok-Netzwerk aus mindestens 34 anonymen Konten mit KI-generierten Profilbildern und rund 10 Millionen Aufrufen, 22 der Konten wurden an nur zwei Januartagen angelegt. Reuters analysierte über 628.000 koordinierte Telegram-Nachrichten in mehr als 30.000 Gruppen. Und das Reuters Institute schätzt, dass die KI-Videos einer Fidesz-nahen Firma auf YouTube und Facebook rund 650 Millionen Mal ausgespielt wurden; die Firma war zeitweise der größte politische YouTube-Werbekunde der EU.

Und dann? Verlor die Seite mit der größten Desinfrastruktur deutlich. Eine Umfrage von Political Capital kurz vor der Wahl liefert einen Teil der Erklärung: 90 Prozent der Befragten lehnen KI und Deepfakes in der Politik ab, quer durch die Lager. Die Kampagnen erreichten Hunderte Millionen Ausspielungen, aber offenbar kaum Überzeugungsarbeit. Wichtig ist die richtige Lehre: Nicht „Desinformation wirkt nicht“, sondern „Reichweite ist nicht Wirkung“. Der Schaden ist subtiler und langfristiger: Er liegt im Lügner-Bonus, im wachsenden Generalverdacht gegen alles Gesehene.

Für Wer träumt für uns ist Ungarn fast ein Gegenbeleg zum Erwartungseffekt: Die künstlich erzeugte „Stimmung“ setzte sich nicht durch, die Wirklichkeit widersprach der Prognose. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Im Roman braucht MERIDIAN keine plumpen Deepfakes, sondern glaubwürdige Zahlen. Ungarn zeigt, woran die grobe Manipulation scheitert. Über die feine sagt es nichts.

Quellen