Der Reihe nach. Eine Recherche der „Zeit“ prüfte Texte von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger mit der Detektionssoftware Pangram und ließ die Treffer von Menschen gegenlesen. Ergebnis: Ein Handelsblatt-Gastbeitrag vom April („Deutschlands Digitalproblem“) war demnach zu 99,3 Prozent KI-generiert, eine FAS-Kolumne überwiegend, eine Rede weitgehend. Das Handelsblatt nahm den Text zunächst offline; inzwischen steht er wieder im Netz, nun mit dem Hinweis, dass er mit KI-Unterstützung entstand. Die Redaktionen waren vorab nicht informiert worden; das Ministerium erklärte, KI sei ein Arbeitswerkzeug, über das man nicht gesondert Rechenschaft ablege.
Es blieb nicht bei einem Fall. Ein FAZ-Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt enthielt laut Recherchen nicht verifizierbare Zitate namhafter Wissenschaftler; die FAZ nahm den Text offline. Und der Tagesspiegel entband seinen Editor-at-Large Stephan-Andreas Casdorff von publizistischen Aufgaben, weil er Kommentare ungekennzeichnet von KI hatte schreiben lassen. Drei Fälle in wenigen Wochen, ein Muster: Es geht nicht um Deepfakes von Gegnern, sondern um die Frage, wer hinter der eigenen Byline steckt.
Man kann einwenden: Politiker haben schon immer Ghostwriter. Stimmt. Aber der menschliche Ghostwriter weiß, was er schreibt, und haftet intern dafür; die erfundenen Voigt-Zitate zeigen, was passiert, wenn diese Instanz fehlt. Und es ist eine besondere Ironie, dass ausgerechnet der Minister, der Deutschlands Digitalpolitik verantwortet und Vertrauen in KI aufbauen soll, das Vertrauen in seine eigene Stimme beschädigt. Die Transparenzpflichten des AI Act für KI-Texte zu Themen von öffentlichem Interesse bekommen hier ihren ersten prominenten Anwendungsfall, bevor sie überhaupt gelten.
In Wer träumt für uns ist die Frage „Wer spricht hier eigentlich?“ der Kern von POLIS: ein System, das zuhören soll, statt Stimmen zu simulieren. Die Ghostwriting-Affäre ist die Alltagsversion des Problems. Nicht die Maschine ist der Skandal, sondern das Verschweigen. Eine Demokratie erträgt viel, aber schlecht, dass sie nicht mehr weiß, mit wem sie redet.