Während Deutschland seine Verwaltungs-KI zentral denkt, von KIPITZ bis zum „Deutschland-Stack“, kommt aus der Ostschweiz ein anderes Modell. Die sieben Kantone der Ostschweizer Regierungskonferenz (beide Appenzell, Glarus, Graubünden, Schaffhausen, St. Gallen, Thurgau) haben Mitte Juni eine Vereinbarung unterzeichnet, um KI in der Verwaltung gemeinsam einzuführen; der Kanton Zürich und das Fürstentum Liechtenstein machen assoziiert mit. Vorausgegangen war eine gemeinsame Analyse, die über 120 mögliche Anwendungsfälle sammelte und kategorisierte, von Büroassistenz über automatisierte Auskünfte bis zu datenbasierter Entscheidungsunterstützung.
Der Inhalt ist unspektakulär und genau darin bemerkenswert: gemeinsame Projekte, gemeinsame Beschaffung, gemeinsame Standards, geteilte Erfahrungen, vermiedene Doppelspurigkeiten. Kein Prestigeprojekt, keine eigene Souveränitäts-Cloud, sondern der Versuch, dass nicht neun kleine Verwaltungen neunmal dieselben Fehler machen. Parallel erarbeitet der Bund bis Ende 2026 eine Vernehmlassungsvorlage zur KI-Regulierung; die Kantone warten darauf erkennbar nicht.
Interessant ist der Kontrast zur bisherigen Schweizer KI-Geschichte in diesem Blog: Beim Copilot im Parlament kam die Technik ungefragt durch die Hintertür. Hier passiert das Gegenteil: Neun Regierungen entscheiden ausdrücklich, öffentlich und gemeinsam, bevor die Systeme laufen. Man kann über jedes einzelne der 120 Einsatzfelder streiten. Aber man weiß wenigstens, dass es sie gibt.
Für Wer träumt für uns ist das fast das POLIS-Modell in Verwaltungsform: dezentral, abgestimmt, dienend statt lenkend. Der Roman erzählt, wie aus dienenden Systemen lenkende werden, wenn niemand hinschaut. Die Ostschweizer Antwort darauf ist unglamourös: hinschauen, bevor man einführt. Vielleicht ist das der eigentliche Standortvorteil.