Wir schreiben viel darüber, wie gefährlich KI für die Demokratie sein kann. Heute zur Abwechslung ein Fall, in dem KI der Demokratie definitiv nicht geschadet hätte. Weil die Latte so niedrig lag, dass selbst ein Taschenrechner sie gerissen hätte.
Juni 2023, SPÖ-Parteitag in Linz. 597 Delegierte stimmen über den neuen Parteivorsitz ab: Andreas Babler gegen Hans Peter Doskozil. Am Abend wird Doskozil als Sieger verkündet. Jubel, Reden, Handshakes. Zwei Tage später eine hastige Pressekonferenz: Entschuldigung, wir haben die Ergebnisse vertauscht. In Excel. Babler hat gewonnen. Die Stimmen wurden in der Tabelle den falschen Kandidaten zugeordnet.
Man muss das kurz sacken lassen: Eine der ältesten Parteien Europas, mit über 140 Jahren Geschichte, hat ihren Vorsitzenden falsch verkündet, weil jemand in einer Tabellenkalkulation die Spalten verwechselt hat. Der Fehler fiel nur auf, weil eine einzige Stimme in der Summe fehlte. Wäre die Summe aufgegangen, wäre Doskozil heute SPÖ-Chef. Demokratie per Copy-Paste-Fehler.
In Wer träumt für uns warnen wir vor KI-Systemen, die Wahlen manipulieren. Aber manchmal fragt man sich: Braucht man dafür wirklich eine KI? Die SPÖ hat gezeigt, dass man Wahlergebnisse auch ganz analog verfälschen kann – aus reiner Inkompetenz. POLIS hätte die Stimmen wenigstens richtig gezählt. Ob das alles ist, was man sich von Technologie in der Demokratie wünschen sollte, steht auf einem anderen Blatt.
Die Wahlkommissionsvorsitzende Michaela Grubesa sagte, sie schäme sich. Das ist ehrenwert. Aber vielleicht hätte statt Scham ein Barcode-Scanner gereicht. Oder ein Praktikant, der Excel beherrscht. Oder, radikal gedacht: ein System, das Stimmen zählen kann, ohne sie zu vertauschen.
Manchmal würde KI der Politik wirklich nicht schaden.
Quellen: ORF – Auszählungsdebakel: Babler statt Doskozil SPÖ-Chef, Der Standard – Warum das Zählprogramm das falsche Ergebnis ausspuckte
