Über die verschobenen Hochrisiko-Fristen habe ich bereits geschrieben; die Fristdebatte soll hier nicht wiederholt werden. Denn im Schatten der Verschiebung hat der Digital Omnibus etwas gebracht, das tatsächlich neu ist: Artikel 5 des AI Act bekommt zwei zusätzliche verbotene Praktiken. Verboten werden KI-Systeme, die darauf ausgelegt sind, nicht einvernehmliche intime Darstellungen realer Personen zu erzeugen oder zu manipulieren, sowie Systeme zur Erzeugung von Missbrauchsdarstellungen. Wirksam ab 2. Dezember 2026. Es ist das erste ausdrückliche europäische Verbot der Sexdeepfake-Maschinerie, nicht nur ihrer Verbreitung, sondern des Werkzeugs selbst.
Die zweite Neuerung: Anfang Juni hat die Kommission den Verhaltenskodex zur Kennzeichnung KI-generierter Inhalte veröffentlicht, der die Transparenzpflichten aus Artikel 50 praktisch umsetzbar machen soll, von Wasserzeichen bis zu maschinenlesbaren Markierungen. Und ab dem 2. August können Verstöße von Anbietern großer KI-Modelle erstmals sanktioniert werden, rückwirkend für Pflichten, die seit August 2025 gelten. Die Aufsicht bekommt also erstmals Zähne, wenn auch vorerst nur an einer Stelle des Gebisses.
Warum das Verbot wichtiger ist als die Kennzeichnung: Kennzeichnung adressiert den ehrlichen Teil des Marktes. Wer täuschen will, kennzeichnet nicht, und der Lügner-Bonus sorgt dafür, dass selbst echtes Material unter Generalverdacht gerät, sobald Kennzeichnung zur Norm wird und irgendwo fehlt. Gegen gezielte Demütigung durch Sexdeepfakes, deren Opfer weit überwiegend Frauen sind, hilft kein Wasserzeichen, sondern nur das Verbot des Werkzeugs und seine Durchsetzung. Der Omnibus zieht diese Unterscheidung erstmals sauber: Transparenz für das Legitime, Verbot für das Unentschuldbare.
In Wer träumt für uns gibt es den Moment, in dem Mara begreift, dass Regeln über Systeme nur so viel wert sind wie die Instanz, die sie durchsetzt. Der Dezember 2026 wird dafür ein Testfall: Dann muss sich zeigen, ob das erste Deepfake-Verbot Europas Werkzeuge tatsächlich vom Markt bekommt, oder ob es bleibt, was Regeln im Roman zu oft sind, eine beruhigende Auskunft.