Am 28. Juni 1914 erschoss Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Fünf Wochen später war Europa im Krieg. Heute, 112 Jahre danach, ist dieser Tag das vielleicht meistdiskutierte Gedankenexperiment der Geschichtswissenschaft: Was, wenn der Wagen nicht falsch abgebogen wäre? Kein Attentat, kein Ultimatum, kein August 1914?

Kontrafaktische Geschichte hat einen zweifelhaften Ruf und erstaunlich strenge Regeln. Der Althistoriker Alexander Demandt verlangt den minimalen Eingriff und kurze Betrachtungszeiträume: Man darf eine Stellschraube drehen, nicht die Welt neu erfinden, und je weiter man extrapoliert, desto wertloser wird die Aussage. Niall Ferguson hat mit seiner These vom „falschen Krieg“ die provokanteste Variante geliefert: Ohne britischen Kriegseintritt, argumentiert er, hätte Deutschland gesiegt und Europa wäre etwas entstanden, das dem heutigen Kontinent näher käme, ohne Zweiten Weltkrieg. Dagegen steht die Schule von Christopher Clark, dessen „Schlafwandler“ zeigen, wie viele Hände 1914 gleichzeitig am Abzug lagen: Vielleicht war der Krieg überdeterminiert, und ein anderer Funke hätte gezündet. Wie produktiv dieser Streit ist, zeigte zuletzt das Deutsche Historische Museum, das dem „Es hätte auch anders kommen können“ eine ganze Ausstellung an 14 Wendepunkten deutscher Geschichte widmete.

Genau in diese Unsicherheit hinein ist 8 Bytes of Hope geschrieben. Wer nur acht Bytes in die Vergangenheit schicken kann, muss den einen Punkt finden, an dem die Geschichte kippt, und niemand kann wissen, ob es ihn gibt. Vera Hertz muss nicht nur die Physik lösen, sondern eine Wette auf Demandts Frage eingehen: Reicht der minimale Eingriff? Oder wächst der Krieg an anderer Stelle nach? Der Roman gibt dem Dilemma einen Preis: Wer das 20. Jahrhundert umschreibt, löscht alle, die darin geboren wurden. Sich selbst eingeschlossen.

Der 28. Juni ist übrigens doppelt beladen: Er ist auch der Vidovdan, der Jahrestag der Amselfeldschlacht von 1389, das serbische Nationaldatum schlechthin, und derselbe Tag, an dem 1919 der Versailler Vertrag unterzeichnet wurde. Geschichte häuft ihre Wendepunkte gern auf dieselben Daten. Für alle, die tiefer einsteigen wollen: Die Leseprobe zum Roman gibt es hier, mehr zum Buch auf der Bücher-Seite.

Quellen